Reisebericht aus der Sicht eines Gastes auf IBEX – von Matthias Rudas
Anmerkung der Ibex Crew: Der Blogbeitrag hier ist ein kleiner Einschub, der Beitrag schaut nochmal, allerdings aus anderer Perspektive, zurück auf den zweiten Teil unseres Griechenland Abenteuers (Peloponnes und Ionische Inseln). Wir hatten einen von Florians Neffen, Matthias, zu Gast an Board, hier ist sein (unzensierter :-)) Reisebericht:
Meine zwei Wochen bei Vicky und Flo auf der Ibex
Im strömenden Regen steige ich aus dem Bus. Ich bin in Kalamata, einer Stadt am Meer auf dem Peloponnes. Es ist noch März, off-Season, und nicht viel los in diesem kleinen Ort. Durch meine langen blonden Haare stach ich schon in dem fast leeren Bus aus der kleinen Gruppe an Griechen heraus, die im chaotischen Busbahnhof irgendwo im Westen Athens mit mir eingestiegen waren. Da ist Kalamata doch um einiges ruhiger und es ist mir ein leichtes meinen Onkel Flo schon aus weiter Entfernung auszumachen. Vielleicht ist das bei euch auch so: Leute, die man schon sehr lange kennt, kann man auch von weit weg an ihrem Gang erkennen. So ging es mir auch mit Flos monotonen und entschlossenen Schritten. Schon als Teenager nahm er mich auf das ein oder andere Bergabenteuer mit und die die mal mit Flo unterwegs waren, wissen, die haben es in sich. Vielleicht hat Flo doch ein bisschen seinen Teil dazu beigetragen das ich, wie ich sagen würde „abenteuerlich“, wie meine Mama eher sagen würde „verrückt“, geworden bin.
Im Auto wartet bereits Vicky und zu dritt dreschen wir durch den Regen Richtung Marina. Etwas nervös bin ich schon, zwar wurde ich während der Sportwoche mal in einen Segelkurs gesteckt, und schon als Kind sah ich begeistert den Matrosen am Bodensee beim Anlegen zu (das wäre bis heute mein Traumjob), aber selbst mit meinem Optimismus muss ich zugeben, dass ich ein absoluter Trockensegler bin. Das werden meine beiden Kapitäne auch bald aus erster Hand herausfinden. Doch vorerst Erleichterung: Während ich mir meinen Schlafplatz schon zwischen Ratten und Kanonenkugeln vorgestellt hatte entpuppt er sich als kleine, aber feine Kajüte im Bug des Schiffes mit 5 Sterne Aussicht. (Da wusste ich noch nicht was bei Welle vorne abgeht).
Von Beginn an merke ich schnell was für ein eingespieltes Team Vicky und Flo sind. Jeder Handgriff sitzt und alles, von Gläsern über Obst und Gemüse bis zum Handbuch der Kollisions-Verhütungsregeln, hat seinen vorgesehenen Platz. Ich habe drei Geschwister und es war immer ein Leichtes dreckiges Geschirr und liegengelassenen Krimskrams auf die anderen zu schieben. Das ist mir hier leider nicht möglich. Die sind fast vier Jahre zusammen um die Welt gesegelt, wenn ich hier irgendwas nicht an den richtigen Ort stelle, die Türe offenlasse oder das Licht zum tausendsten Mal vergesse abzudrehen, ist es leider ziemlich klar wer das war. Auch hier zeigen sich die beiden sehr geduldig mit mir und nach einer Weile füge ich mich auch gut in den Rhythmus ein.
Doch am ersten Tag wird noch nicht gleich los gesegelt. Wir packen die Gelegenheit beim Schopf und fahren in das nahe gelegene Ancient Olympia, wo früher die antiken olympischen Spiele ausgetragen wurden und eines der sieben Weltwunder, der Zeus Tempel, stand. Gut ausgeschlafen, die Wellen hatte mich sanft in den Schlaf gewogen, düsen wir mit dem Mietauto los. Und auch den Navigations-Experten passiert es, wir verfahren uns und drehen eine kleine extra Rund. Doch mit etwas Verspätung schaffen wir es auch. Zu unsere Freude haben wir fast das ganze Gelände für uns. Wir finden uns auf den alten Laufbahnen der Griechen wieder, hier liefen schon die Bolts und Kipchoges der Antike. Und heute, denke ich mir, heute laufe ich hier. Ich ziehe Socken und Schuhe aus und beginne barfuß über den historischen Boden zu laufen. Meine einzige Konkurrenz, ein kleines Mädchen, wird von mir im Vollsprint überholt und triumphierend strecke ich beide Arme in den Himmel, während ich die steinerne Ziellinie überquere. Doch der Siegesrausch hält nur kurz, eine Aufseherin ist nicht so entzückt über meine Barfüßigkeit und fordert mich zügig auf meine Schuhe wieder anzuziehen. Flo und Vicky grinsen leise im Hintergrund. Gut das ich nicht ganz original, wie die alten Griechen, nackt gelaufen bin.
Am nächsten Tag geht es dann los. Am Vorabend wurde die Speisekammer noch gut mit Schokolade und Chips aufgestockt, Bier ist ohnehin noch genug aus Thailand vorhanden. Zu meiner Qual läutet mich der Wecker schon um sechs in der Früh aus den Federn. Vicky meint nur stoisch: „Segler stehen früh auf.“ Daran muss ich mich noch gewöhnen. Doch ich bin voller Vorfreude, endlich geht es los, endlich fahren wir mim Schiff aufs Wasser. Sie lassen mich sogar „ausparken“. Laut ihnen hat das auch Tobi, mein fast zehn Jahre jüngerer Cousin gepackt, so schwer kann das also nicht sein. Ganz bereit fühle ich mich nicht, wenn ich ehrlich bin, zwischen so vielen „schwimmenden Villen“, wo ein kleiner Kratzer mal schnell eine üppige Summe bedeuten kann. Die eine Yacht schöner, größer und vor allem teurer als die andere. Doch so ein Schiff ist kein Fahrrad, es braucht viel länger, bis es auch wirklich umlenkt. So komme ich einer Yacht gefährlich nahe. Flo: „Matthias jetzt stark Backbord!“, ich reise das Ruder heftig nach rechts…. Der Kapitän greift ein und verhindert Schlimmeres. Das Steuern überlasse ich dann wohl doch lieber meinem Cousin Tobi.
Es ist gut am Meer zu sein. Langsam, aber stetig gleiten wir durchs Wasser. Es hat schon fast etwa meditatives. So muss ich gestehen, schlafe ich am Vormittag einfach wieder genüsslich am Deck ein. Doch durch heftiges Schwanken werde ich geweckt: DIE WELLE von der Vicky schon mindestens 100-mal gesprochen hat war endlich gekommen. Meine neugierige Vorfreude weicht schnell, denn es ist, als würde man in einer Hochschaubahn sitzen. Dabei kochen oder auch schlafen, für mich nur schwer vorstellbar.
Richtung Nachmittag erreichen wir unseren Ankerspot und genießen die Ruhe. Jetzt kommt es zum wichtigsten Moment eines Segeltages: Während es am Berg das Gipfelbier gibt, ist es beim Segeln den Anlegerschluck. So stoßen wir auf einen gelungenen Tag an. Das erste Bier von vielen. Auch hier beweist Flo das er schon länger als ich in München gelebt hat. Nur wir und das Meer. Hat schon was dieses Segeln. Ich springe ins Wasser und tauche unter dem Boot hindurch. Faszinierend. Flo und Vicky lassen sich leider nicht für die doch sehr frische Abkühlung begeistern. Vielleicht sind sie noch ein bisl von dem warmen thailändischen Wasser weichgekocht.
Nach einem zweiten ruhigen Tag wird auch eine weitere Nacht am Anker verbracht. Der muss aber auch erst einmal gesetzt werden und auch diesmal wird mir das Steuer überlassen. Man muss dazu sagen das Flo mir immer mit Autovergleichen probiert auszuhelfen. „Das ist wie die Kupplung“ „Jetzt lass den Motor kommen“ „Das ist wie beim Einparken“. Meine höchste Führerschein Klasse ist jedoch der Fahrradführerschein, den ich damals mit 10 gemacht habe, gleich nach dem Nähmaschinenführerschein aus dem Werkunterricht. Ich stelle mich aber besser als beim ersten Mal an und nach einem zweiten Versuch liegen wir einsam in der Bucht. Alleine die entfernen Cruise-Schiffe, die dort geparkt sind, leisten uns Gesellschaft.
Am dritten Tag geht es nach Sami, nicht zu meinem anderen Cousin aber zu einer kleinen Hafenstadt auf Kefalonia. Diesmal nicht ganz alleine, wir sehen schon ein weiteres Boot als wir in die Marina einfahren. Doch erst mal muss angelegt werden. Ich werde aufs Land geschickt und Vicky wirft mir das Seil zu, bzw. wie ich jetzt gelernt habe, sagt man dazu Leine beim Segeln. Komisch, wie Wäscheleine, die hält maximal meine Unterhosen und kein tonnenschweres Boot. Und patsch sie fällt mir beim Zurückwerfen ins Wasser. Werfen war nie meine Stärke gewesen, schon in der Schule bin ich beim Merkball nur weggelaufen. Dank Vicky und Flo schaffen wir es trotzdem anzulegen und machen uns daraufhin auf den Weg unseren alleinigen Nachbar auszukundschaften. Schon von weitem erkennen wir ihn als Landsmann, an der kleinen rot-weiß-roten Fahne, die hinten an seinem Boot flattert. Er entpuppt sich als ein waschechter Österreicher, wortkarg und mürrisch. Werner heißt er, bzw. so taufte ich ihn, seinen echten Namen verrät er uns nie. Aber Werner passt doch ganz gut, denke ich. Werner freut sich über die Ruhe, die wir hier in der off-Season genießen, aber er ist ein bissl enttäuscht das noch kein Fleischhacker offen hat. Geiles Wort, Fleischhacker, ewig nicht gehört. Feststellend das wir mit Werner nicht ganz auf eine Wellenlänge kommen werden, spazieren wir zu dem einzigen offenen Restaurant. Kurz darauf gesellt sich auch Werner zu einem Tisch neben uns und bestellt in sehr gebrochenem Englisch, aber dafür mit umso stärkerem oberösterreichischen Akzent, Souvlaki. Auf sein Fleisch muss er also trotz mangelndem Fleischhacker nicht verzichten.
Es geht wieder früh los. Diesmal Richtung Nidri. Unter wehender griechischer Fahne verlassen wir den fast leere Hafen. Es ist Nationalfeiertag hier in Griechenland. Man muss sich vorstellen, meine Erwartungen ans Segeln waren etwas anders gewesen: In meinem Segelkurs haben wir die ganze Zeit gewendet und gehalst und so hab ich mir das auch hier vorgestellt. Aber schnell kommt es zur ernüchternden Realisation das man hier einmal das Segel rausholt und dann erst mal ein paar Stunden chillt. Die anfängliche Enttäuschung weicht aber schnell einer noch unerfahrenen Entspannung. Man kann Lesen, Lernen oder was ich oft tue, einfach an Deck eine Siesta machen. Dazu muss man auch sagen hab ich ja keinerlei Verantwortung außer die Toilette nicht zu verstopfen. Für Vicky und Flo war das vielleicht nicht so ruhig, sie sind ja für das Schiff verantwortlich und vor allem haben sie jetzt ein riesen Quasselmaul an Bord, das sie rund um die Uhr aushalten müssen.
Im Süden von Nidri angekommen beweise ich das ich mittlerweile ein bisl mehr drauf habe. Ich bin verantwortlich für die mooring lines, die Leinen die das Boot am Anlegeplatz, oder wie man in englischer Segelsprache sagt „berth“, festhält. Generell ist das ein Lernen einer ganz neuen Sprache, dieser Segelsprache. Wenn Vicky und Flo übers Segeln reden verstehe ich grad mal nur die Hälfte.
Insgesamt bleiben wir drei Nächte in Nidri. Ich nutze meinen frisch antrainierten Schlafrhythmus und stehe jeden Tag um 6 auf um ins Wasser zu hüpfen. Wir schauen die fast leere Stadt Nidri an, essen Souvlaki und Wandern zum Wasserfall. Am letzten Tag mach ich mich noch alleine auf und erkunde die versteckten Ecken der Insel. Nachdem ich mich durch ein überwachsenes Flussbett bis ans Meer durchschlage, werde ich mit einem kleinen, aber feinen Sandstrand nur für mich überrascht. Paradies auf Erden. Da braucht man dann auch keine Badehose mehr.
Jetzt ist leider Aufbruch angesagt. Es war ein urleiwande Zeit auf Nidri, aber wir müssen weiter. Schon um halb sieben legen wir ab und frühstücken erst am Meer. Das Frühstück ist übrigens immer sehr ausgiebig, was mich sehr freut, da ich Unmengen an Brot, Wurst, und Käse verschlinge. Vicky und Flo können das bezeugen. Das Wichtigste aber am Frühstück: Nutella! Ohne die geht nichts. Während die Ibex auf Diesel und Wind fährt, fährt Flo auf Nutella. Und ich muss zugeben, ich bin nach meiner Zeit mit ihnen, auch ein etwas Nutella abhängig geworden.
Es geht über den Lefkas Kanal weiter Richtung Norden und wir ankern in einer kleinen Bucht auf Paxos. Ein Schiff liegt schon in der Bucht und gegen Abend gesellen sich noch zwei weitere Schiffe zu uns. Italiener und Deutsche. Immer wenn andere Boote auftauchen, erinnern mich Vicky und Flo ein wenig an Autofanatiker. Da wird erst mal das Boot analysiert, die Ausstattung beurteilt und dann wird ein bisl über die Anlege-Technik gelästert. Doch am nächsten Tag stellen sich meine vorschnellen Annahmen als komplett falsch heraus. Wo sich die beiden am Vortag noch über die Ankerposition der Italiener beschwert haben, driften sie in der Früh echt auf uns zu, weil sich ihr Anker gelöst hat. Als ich frage, was den bei einem Zusammenstoß passieren würde, meint Flo nur: „Deren Boot ist eh teurer als unseres, also haben die ein größeres Problem“ Ok, vielleicht hat er das nicht ganz so gesagt. Aber insgesamt merke ich langsam, dass es viele Sonntagssegler gibt, aber das Vicky und Flo einfach einen Haufen an Expertise und Liebe zum Detail mitbringen. Nächstes Mal werde ich nicht so vorschnell urteilen.
Dann brechen wir auf zu unserem letzten Abschnitt nach Korfu, wo meine Reise enden wird. Normalerweise steuert Großteils der Autopilot. Insgesamt hab ich auch das nicht erwartet und bin fasziniert wie gut er den Kurs halten kann. Heute probiere aber einmal ich wie schwer es ist auf Kurs zu bleiben. Während der Autopilot den Kurs auf ein bis zwei Grad genau halten kann, bin ich froh, wenn ich auf 5 bis 10 Grad genau steuere. Ein letztes Mal Ankern wir in der Südspitze von der Insel Korfu und ich springe noch einmal ins frische Wasser. Das erste Mal in meinem Leben schwimme ich auf dieser Reise mit Schwimmflosse und bin erstaunt, was das für einen Unterschied macht. Von meiner Abenteuerlust angetrieben spanne ich die Hängematte zwischen Hauptmast und Genua auf, um dort eine Nacht unter den Sternen zu verbringen. Um drei in der Früh gebe aber auch ich auf. Wind und Kälte haben mich doch eines Besseren belehrt und ich verkrieche mich in mein angenehm warmes Bett unter Deck.
Die Tagesetappe an den Norden der Insel verläuft rund und wir kommen am Nachmittag in Korfu Stadt an. Wir segeln vorbei an der Großen Festung und zumindest in meinem Kopf höre ich die Titelmusik von „Pirates of the Caribbean“ als wir am Fuße dieser gigantischen Burg anlegen. Es ist schön zu sehen wie viel ich gelernt habe und wie gut das Anlegen mittlerweile funktioniert.
Die nächsten drei Tage genießen wir Korfu. Eine unglaubliche Hafenstadt, die unter venezianischer Herrschaft ebendiese enorme Festung erbaut hat, in der wir mi dem Boot liegen. Abends schlendern wir durch die verwinkelte Altstadt und genehmigen uns noch einmal die lokale Küche. (Ich habe mich nach der Reise zurück in Wien gewogen und hatte ein Kilo mehr auf den Rippen. Auch sicher Schuld die viele Nutella.) Am Rückweg lauschen wir den verzaubernden Klängen, die aus der Musikschule dringen, die genau über unserem Anlegeplatz liegt.
Doch wie mit so vielen Abenteuern nimmt auch meine Zeit mit Vicky und Flo ein Ende. Nach fast zwei Wochen Segelabenteuer ist mein Matrosenleben vorerst vorbei. Auf klassische Matthias Art vergesse ich noch die teure Jacke meines Bruders, die er mir geliehen hatte, und sprinte die ganze Festung zurück, die ich die letzten Tage bis in jede Ecke auskundschaften konnte. In Rekordtempo flitze ich am verwunderten Securityguard vorbei, der mich vor ein paar Minuten noch mit meinem ganzen Glumpert weg schlendern gesehen hatte. Für diesen Sprint kam mir natürlich mein Training in Ancient Olympia wieder zugute. Flo ist meine Tollpatschigkeit schon gewohnt. Am Vorabend war ich bei einem optimistischen Sprung aufs Boot komplett gegen die Reling gekracht. Seither ziert eine fette Beule meine Stirn. Zum Abschied drückt mir Flo einfach nur lächelnd die Jacke in die Hand.
Meine Zeit auf der Ibex war, obwohl ich es ja gerade probiert habe zu beschreiben, unbeschreiblich. Noch nie habe ich so ein Gefühl von Ruhe gespürt und diese Art der Freiheit erlebt. Um diesen Reisebericht auf die kitschigste Art zu beenden die mir einfällt: Der Segelabenteurer Bernard Moitessier, dessen Buch mir Vicky geborgt hat und das ich auf der Ibex gelesen habe, meinte angeblich: „Eine lange Ozeanreise ist der kürzeste Weg zu sich selbst.“ In diesen zwei Wochen habe ich eine Seite von mir kennen gelernt von der ich davor nicht wusste das ich sie habe. So kann ich wahrscheinlich nur erahnen was Vicky und Flo in diesen fast vier Jahren gelernt und erlebt haben.
Danke,
Matthias
