Ein Dorf im Nirgendwo

Los Roques Teil 2: El Grand Roque

Unsere Geschichte zu den Los Roques hat drei Teile:

Grand Roque ist die einzige Insel der Los Roques, die besiedelt ist. Es gibt auf der einen oder anderen Insel noch ein, zwei einfache Restaurants oder Posadas (Lodges), aber das war es schon. Grand Roque hat ein Dorf mit ca 2000 Einwohnern, aber die nächste Zivilisation ist ca 150km entfernt, das venezolanische Festland, wo man aber als Segler wegen Pirateriegefahr nicht hin möchte. Für Segler sind also die nächsten Zivilisationen Grenada (ca. 500km entfernt) und Bonaire (ca. 150km entfernt).

Für Venezolaner, die es sich leisten können, ist Grand Roque und die Los Roques eine Wochenende und Urlaubsdestination. Sie fliegen mit kleinen Propellermaschinen in ca 30 Minuten vom Festland auf den kleinen Airstrip am Südöstlichen Ende des Dorfes ein. Die Landebahn geht von einer Küste der Insel zur anderen, die Flieger müssen also schon sehr niedrig über dem Wasser anfliegen um dann direkt aufzusetzen.

Die Inlandstouristen wohnen auf Grand Roque in Posadas (Lodges) und werden von Locals in kleinen offenen Booten tagsüber an die schönen Strände des Archipelagos gefahren. Dort werden dann Sonnenschirme od Zelte aufgebaut, die bereits gefüllte Kühltruhe und Sonnenstühle drunter gestellt und gefaulenzt. Abends fahren sie nach Grand Roque zurück um in einem der Restaurants zu Abend zu essen.

Das Dorf lebt beinahe ausschließlich von diesen Inlandstouristen sowie vom Fischen. Als wir ankommen ankern wir neben zwei ca 25m langen Barges. Wir erfahren später, dass das Fischhändler sind. Unter Deck ist alles vor dem Steuerstand Kühlraum. Wir sehen wie regelmäßig lokale Fischer an den Barges längseits gehen um ihre Fische zu verkaufen. Nach ca einer Woche ist der Kühlraum voll und die Barge fährt ans Festland um den Fisch zum Markt zu bringen.

Wie in den Ländern in diesem Teil der Welt üblich spielt Religion eine große Rolle, insbesondere die Marienverehrung. So haben die Fischer in einer Kapelle direkt am Strand vor dem ihre Boote liegen (es gibt keinen Hafen) eine Marienstatue in einer Vitrine. Daneben gibt es auch auf einem der Hügel auf Los Roques eine Marienstatue und wir sehen auch auf zumindest einer der kleinen Inseln eine kleine Kapelle mit der Heiligen.

Wenn man durch das Dorf spaziert, geht man ausschließlich auf Sandstraßen, Autos gibt es keine. Im Nordwesten der Insel ist das „Industriegebiet“, dort legt das Versorgungsschiff ca einmal pro Woche an einem einfachen Pier an, während sein Heck von der Küstenwache an einer Boje festgemacht wird. Die Dorfbewohner holen „ihre“ Sachen direkt von dort ab, entweder tragen sie sie einfach, manchmal ziehen und schieben sie aber auch zu viert oder fünft eine Art Wagen, an dem man bei uns Pferde einspannen würde. Im Industriegebiet ist auch ein Tanklager, Treibstoff wird primär zur Stromerzeugung und für die Motoren der Fischer- und Ausflugsboote benötigt. Für letztere wird er dann schon mal im Kanister auf einer Sackrodel über die Sandstraßen gebracht. Für die Stromerzeugung stehen ein paar Containertrailer rum, in denen Generatoren schnurren. Strom gibt es aber nur für ein paar Stunden am Tag, weswegen insbesondere die Unterkünfte eigene kleinere Generatoren haben. Wir erfahren von Oscar, einem Einheimischen, der in Kindheitstagen 10 Jahre in den USA gelebt hat und daher fließend Englisch spricht, dass es die Venezolaner mit Wartung nicht so haben. Die Generatoren werden genutzt, vielleicht hin und wieder bissl was gemacht, aber wenn sie kaputt sind hofft man auf Neue. So stehen auch einige alte herum. Im Industriegebiet steht auch die Entsalzungsanlage für das Trinkwasser der Insel und direkt im hinteren Teil ist die Müllhalde, einfach ein Flecken Erde auf das der Müll kommt, seit Jahrzehnten, offensichtlich.

Im Ort gibt es eine Schule, die Kinder tragen hellblaue Poloshirts und schwarze Hosen als Schuluniform. Es gibt eine Ambulanz, ein überdachtes Basketballfeld sowie ein Baseball und Fußballfeld. Kirchen gibt es ein paar. Ein paar kleine Lebensmittelläden, aber die Auswahl ist bescheiden. Hin und wieder gibt es am Strand einen kleinen Obst und Gemüse Markt, aber Lebensmittel sind i.d.R. recht teuer. Es muss ja auch alles erst mal auf die Insel gebracht werden (wir sind mit Lebensmittel für ca 1 Monat von Grenada aus aufgebrochen). Eine Bank mit Geldautomaten gab es mal, sie steht noch, aber ist nicht mehr in Betrieb. Deswegen muss man auch sämtliches Geld in Cash für den gesamten Aufenthalt mitbringen, denn Kreditkarten werden keine akzeptiert. US Dollar ist die einzige Währung auf der Insel, der einheimische Bolivar ist nicht anzutreffen und es wäre auch schwierig wegen der Inflation täglich mit Millionen davon zu hantieren. Wechselgeld ist schwierig zu bekommen, vor allem als Auslandstourist. Wir haben uns also bereits in Grenada mit einem Haufen Ein Dollar Noten eingedeckt.

Dass es einige Behörden gibt, haben wir schon bei der Einreise festgestellt. Darüber hinaus gibt es noch die Nationalgarde, sie funktioniert hier als Polizei. Als es vor einiger Zeit zu einer Demonstration junger Leute auf der Insel kam, wurden diese gleich mal von der Nationalgarde festgesetzt und aufs Festland ins Gefängnis gesteckt. Der sozialistische Staat mag eben keine Aufmüpfigkeit, auch wenn sie friedlich ist.

Die Leute wirken zufrieden. Corona war natürlich keine Hilfe hier, weil die Touristen ausblieben wie überall anders auch. Aber mit dem Beginn des Novembers hat die Regierung den Modus der geschlossenen Wochen aufgehoben. Oscar meinte, es sei für die Jahreszeit wieder halbwegs normaler Betrieb (im Sommer kommen deutlich mehr Leute, ganz unabhängig von Corona). Die Insel hatte vor einigen Monaten einen Coronausbruch, wie so oft, ein (Inlands-)tourist hat den Virus mitgebracht und auf einer Party verbreitet. Eine Zeit lang sind die Los Roques Top 1 in der Inzidenz Weltrangliste, aber auf der Insel stirbt niemand an Corona. Ein paar der schwerer erkrankten müssen aufs Festland ausgeflogen werden.

Wir wandern zu einem der Leuchttürme und zur Marienstatue am Hügel um mal das Dorf von oben sehen zu können.  Toller Ausblick, inklusive auf die kleineren Inseln und Riffe in der Nähe. Wir bleiben 48 Stunden auf Grand Roque, kommen für die Ausreise nochmal einen Tag hierher. Von Patrick, einem französischen Skipper auf einem Katamaran, auf dem er und seine venezolanische Freundin Chartergäste empfangen, fragt uns warum wir solange auf Grand Roque bleiben, ist ja nicht so schön wie die kleinen Inseln. Wir fanden, das Grand Roque Erlebnis gehört dazu, Land und Leute kennenlernen und eben nicht „nur“ Natur. Nach 2 Tagen sind wir aber bereits gespannt wie es auf dem nicht besiedelten Teil des Archipelagos sein wird.