Roadtrip

Kolumbien Teil 2: Salento, Los Nevados, Medellin

Kolumbien ist als Land seglerisch nicht wirklich interessant. Abgesehen von drei Städten mit Marina, gibt es zwar noch ein paar Ankerbuchten, aber dort ist es wegen Schwell und Strömung eher ungemütlich obendrein gibt es recht strikte und teure Auflagen was die Bewegung mit Boot in dem Land betrifft. Das ist natürlich geschichtlich und Drogenhandel bedingt, nichtsdestotrotz muss man bei jeder Schiffsbewegung im Wesentlichen durch den gleichen Prozess wie bei Ein- und Ausreise in/aus dem Land, inklusive der zugehörigen Kosten.

Insofern lassen wir IBEX in Santa Marta geparkt und machen uns anderweitig auf den Weg. Die Küste ist ohnehin nicht so interessant wie viele Orte im Landesinnere. Auf Grund der Größe des Landes und der uns zur Verfügung stehenden Zeit müssen wir uns fokussieren (im Großen und Ganzen sagen uns die Winde und zugehörigen Saisonen wann wir wo sinnvollerweise sind, und wo eben nicht). So wählen wir also aus was uns am interessantesten erscheint und machen uns auf den Weg.

Reisen in Kolumbien ist nicht nur super einfach sondern auch super günstig. Überlandbusse fahren regelmäßig so gut wie alle relevanten Strecken, und selbst Inlandsflüge sind kaum teurer als die Busse, und auf Grund der doch recht weiten Distanzen auch beliebt. Wir fliegen also zuerst nach Pereira im Süden des Landes um gleich nach Salento weiter zu fahren. Salento ist ein kleines Dorf im Herzen der Zona Cafetera, dem Kaffeeanbaugebiet Kolumbiens. Früher war es auch eine relevanter „Transport Hub“, auf der Strecke von Medellin nach Bogota. Heutzutage führt die Verbindungsstraße aber um die Berge rum und Salento lebt mal abgesehen vom Kaffee auch vom Tourismus.

Kaffee wird hier auf Farmen angebaut, weniger auf Plantagen, so groß sind die Farmen nicht. Die meisten kann man auch besuchen, sich das Handwerk des Kaffee Anbaus erklären lassen und zur Kaffeeverkostung schreiten. Wir suchen uns hierfür eine kleine Farm im Familienbetrieb aus, die als Permakultur geführt wird, also auf natürliche Ökosysteme und Kreisläufe setzt. Die Farm ist über einen recht steilen Pfad nur zu Fuß zu erreichen. Mit einem Jeep käme man auch so gerade hin, aber nur falls es keinen Gegenverkehr gibt, das gibt der Pfad nicht her. So findet auch sämtlicher Transport zur und von der Farm zu Fuß oder per Tragetier statt. Nur 1-2 mal pro Jahr organisiert die Besitzerin einen Jeep Transport, dafür braucht sie aber eine jeweils eine eigene Genehmigung. Auf dem Steilgelände stehen die Kaffeepflanzen gemischt mit allen möglichen anderen Gewächs, insbesondere Obstbäume aller Art sowie Pflanzen, die zum Düngen der Kaffeepflanzen benutzt werden. Gearbeitet wird per Hand, und nach den natürlichen Saisonen. Auf Grund des Permakultur Ansatz lässt sich auch ein höherer Preis für den Kaffee realisieren. Verkauft wird allerdings nur an nationale Abnehmer, insbesondere ein paar Cafes in Salento.

Die Willys Jeeps sind die Ikone und das Transportmittel schlechthin in der Region, sie werden sowohl als Taxi als auch als „Linienbus“ verwendet. Da ist es auch gar nicht erforderlich, dass alle Fahrgäste einen Sitzplatz haben, hinten drauf stehen ist auch ok, doof nur wenn es regnet. So fahren auch wir per Taxi ins Cocora Valley. Ein Tal neben Salento, das für die höchste Palmenart, die Wachspalme, bekannt ist. Das Tal ist eine Art Disney Land, primär von nationalen Touristen genutzt. Wir entgehen dem Trubel in dem wir in den Dschungel zum Wandern aufbrechen. Wir überqueren einen Fluß mehrfach über mehr oder weniger stabile Brücken, schauen uns die imposanten Wachspalmen an, und erreichen das Kolibri Haus mitten im Dschungel. Am Rückweg geht es noch durch den „Nebelwald“ und ja, der Nebel ist auch wirklich da.

Per Überlandbus und Umsteigen in Pereira fahren wir weiter nach Manizales. In Kolumbien primär als Universitäts und Business Stadt relevant, für Touristen gibt es nichts wirklich interessanten in der Stadt selbst, aber die nahegelegen Los Nevados haben es uns angetan. Nach kurzem Besuch in der Stadt, inklusive Gondelfahrt, kommen wir in einer kleinen Hütte auf einer Finca am Stadtrand unter. Tags darauf brechen wir früh morgens auf, um den Sonnenaufgang auf 4000m Seehöhe zu erleben. Endlich wieder am Berg 🙂 Wir treffen natürlicherweise auf eine ganz andere Vegetation, und genießen die tolle Gebirgslandschaft. Nach dem Sonnenaufgang geht es in eine lokale „Hütte“ zum Frühstück und wir schauen dem hiesigen Vulkan beim Rauchspucken zu. Per Jeep geht es noch weiter in die Berge hinein. Wir bekommen Felsveränderung zu sehen, die beim letzten Vulkanausbruch entstanden sind, schauen den lokalen Milchtransporteuren zu und baden in heißen Quellen.

Als nächstes führt uns unser Roadtrip nach Medellin, ins Herz des ehemaligen Bürgerkriegsgebietes, aber auch in eine super interessante Stadt. Die Fahrt dauert 8 Stunden und ist ein Erlebnis für sich, inklusive längerer Aufenthalte wegen Baustellen, ein Mittagessen wie bei den Locals, almuerzo par excellence und wie in diesen Bussen so üblich, lokale Musik. Während dieses Trips bestellen wir auch die neuen Membranen für unseren Wassermacher, aber das ist eine andere Geschichte (das Boot lässt einen halt auch tief im Landesinneren nicht los).

Medellin ist mit 2,5 Millionen Einwohner die mit Abstand größte Stadt, die wir seit unserer Abreise besuchen und wird es auf absehbare Zeit auch bleiben – und sie ist krass in die Berge gebaut. Man könnte fast sagen ein Moloch, aber mit enormer Vielfältigkeit und äußerst „schwieriger“ Geschichte. Wir ziehen durch die Stadt um ein erste „Gefühl“ zu bekommen. Im Zentrum ist die Stadt geprägt von reger Geschäftigkeit, historischen Bauten, dem Verwaltungsviertel (Medellin ist die Hauptstadt des Departamento Antioquia mit grob 6 Millionen Einwohnern) und auch einiges an Kunst. Wir besteigen den Cerro Nutibara, ein Hügel in der Stadt, Ausflugsziel der Locals mit gutem Überblick über die Stadt. Hier wird erst so richtig deutlich wie groß die Stadt und wie krass in die Berge sie gebaut ist.

Insofern ist die Gondel und die Rolltreppe im Freien hier nicht nur ein wesentliches Verkehrsmittel sondern trug auch wesentlich zum Frieden in der Region bei. Dass die Gondellinien gemeinsam mit den U-Bahn Linien auf der gleichen Karte abgebildet sind und mit der gleichen Fahrkarte nutzbar sind, ist hier eine Selbstverständlichkeit. Pendelzeiten von zum Beispiel 2 Stunden haben sich mit den Gondeln auf unter 30Minuten reduziert. Ein unglaubliches Plus an Lebensqualität für die Leute, die in den „günstigeren“ Stadtvierteln leben.

Städtische Weihnachtsbeleuchtung ist in Kolumbien eine riesen Sache. Jedes Jahr gibt es einen Wettbewerb, welche Stadt denn nicht die schönsten und größten … hat. Medellin gewinnt diesen Wettkampf regelmäßig, so wollen auch wir diese besichtigen. Es ist wie eine Art hiesige Form eines Weihnachtsmarktes. Es gibt den Bereich mit den Lichtern, die alles mögliche darstellen. Daneben gibt es auch den Bereich mit einem Markt, inklusive Fressmeile und zu erwerbender Handwerkskunst. Ein für uns einmaliges Schauspiel.

Eine Medellinbesuch, wäre kein Medellinbesuch ohne sich hier mit der Geschichte der Region und des Landes zu beschäftigen. Wir starten damit im Museo Casa de la Memoria. Leider ist hier vieles nur auf Spanisch beschrieben, aber wir bekommen einen ganz guten Eindruck von der Komplexität der Vorgänge im Land über 60-80 Jahre hinweg. Zum ersten Mal beschäftigen wir uns so richtig damit, dass der Handlungsstrang rund um Pablo Escobar und dem Drogengeschäft – früher doch sehr präsent in europäischen Medien – eben nur ein Handlungsstrang war. Die Geschichte der Spaltung der Gesellschaft viel tiefgreifender war und Pablo Escobar dies letztendlich auch ausgenutzt hatte. Eigentlich unvorstellbar, wie viele Bauern und andere Landbevölkerung von den verschiedenen bewaffneten Gruppierung (Stichwort jeder gegen jeden) vertrieben wurden. Viele dieser Leute hatten gar keine andere Möglichkeit als nach Medellin zu kommen um irgendwie zu überleben. So entstanden die ersten einfachen und illegalen Behausungen in den Hängen rund um Medellin, die wohl bekannteste ist die „Comuna 13“. Comuna bedeutet nichts anderes als „Bezirk“. Aber damals waren die Behausungen eben illegal, sie haben sich mit abgezapften Strom und irgendwie mit Wasser versorgt. Auch dort zogen die bewaffneten Gruppen a la FARC etc ein. Selbst die durch das Militär der Regierung durchgeführten Aktionen in diesen Gebieten, haben primär unschuldige verhaftet. Eine viel zu komplexe Lage. Insofern haben sich die Friedensverhandlungen auch ewig hingezogen, und waren im Ergebnis doch recht „Rebellen“ freundlich.

Man stelle sich vor: Bewaffnete Gruppen bringen alle möglichen Leute um, Deinen Vater, oder Deine Schwester, etc. Diese Leute müssen zwar dann gemäß Friedensvertrag ihre Waffen abgeben, werden aber anderweitig nicht zur Verantwortung gezogen. Und so kommt es zu sogenannten „Versöhnungsveranstaltungen“, bei denen Täter und Opfer zum Beispiel in Kirchen aufeinander treffen. Täter sich zwar entschuldigen, aber einfach frei rumlaufen. Falls sich jemand mehr dafür interessiert, empfehlen wir den Dokumentar-Film „El Testigo“, hier ist auch eine derartige Veranstaltung aufgezeichnet.

Heutzutage kann man die Comuna 13 besuchen, ohne Gefahr gleich mal erschossen zu werden. So machen auch wir vor Ort eine Führung und lassen uns die Geschichte von Betroffenen erzählen. Die Comuna 13 hat sich vom Hotspot des Bürgerkriegs zur größten Outdoor Galerie (Graffitis) entwickelt. Wobei die meisten der Graffitis einen Bezug zur lokalen Geschichte haben. So gut wie jede Person, die man trifft, hat in dem Konflikt zumindest einen Verwandten verloren. Die meisten haben den Tätern vergeben, weil sie sagen, ohne Vergebung gäbe es keinen Frieden. Also bitte hier nochmal vorstellen: jemand hat Deine Tochter erschossen, und Du vergibst dem/derjenigen (ja, es gab auch viele bewaffnet aktive Frauen). Dieses Land hat zum Großteil diese gesellschaftliche Spaltung überwunden – während wir uns in Europa wegen unterschiedlicher Vorstellungen im Umgang mit Covid beinahe die Schädel einschlagen.

Es würde hier viel zu weit führen alles zu beschreiben womit wir uns beschäftigt haben und wir wollen gar nicht behaupten den Konflikt jetzt verstanden zu haben, aber einen besseren Eindruck haben wir gewonnen und das eine oder andere eigene Missverständnis ausgeräumt. Um viele Eindrücke reicher fliegen wir nach Santa Marta zurück, pünktlich zum Weihnachtsdinner mit Freunden.